Wenn du dein Haus sanierst, denkst du wahrscheinlich zuerst an neue Fenster, bessere Dämmung oder eine moderne Heizung. Aber was ist mit den Wänden, dem Dach, den Bodenplatten? Was ist mit den Materialien, aus denen sie gemacht sind? Die graue Energie - die unsichtbare Energie, die in der Herstellung, im Transport und in der Entsorgung von Baustoffen steckt - wird oft völlig übersehen. Und das ist ein großer Fehler. Denn bei Sanierungen kann die graue Energie bis zu 50 Prozent der gesamten Klimabelastung ausmachen, noch bevor das Haus überhaupt wieder beheizt wird. Du sparst Heizenergie, aber verschwendest die Energie, die schon in den alten oder neuen Wänden steckt. Das ist, als würdest du ein altes Auto reparieren, aber dafür ein neues Motorrad mit Benzinmotor kaufen. Es wird nicht besser. Es wird nur anders.
Was ist graue Energie wirklich?
Graue Energie ist nicht die Energie, die du im Alltag verbrauchst. Das ist die braune Energie - die, die du an der Steckdose oder am Heizkörper siehst. Graue Energie ist die, die hinter den Materialien steckt. Wie viel Strom brauchte es, um den Ziegelstein zu brennen? Wie viel Diesel wurde verbraucht, um den Dämmstoff vom Norden nach Süden zu bringen? Wie viel CO2 wurde freigesetzt, als der Beton gemischt und gegossen wurde? Diese Energie ist schon verbraucht, bevor du dein Haus wieder betrittst. Und sie bleibt in der Bilanz. Jeder Kubikmeter Holz, jeder Quadratmeter Lehmputz, jeder Ziegelstein - sie alle haben eine eigene CO2-Bilanz. Und die ist oft viel höher, als du denkst.
Ein Ziegelstein wird aus Lehm und Sand gemacht - das klingt natürlich. Aber er wird bei über 1.000 Grad gebrannt. Das braucht jede Menge Gas. Ein Quadratmeter Wand aus gebrannten Ziegeln kann bis zu 250 kg CO2-Äquivalent verursachen - das entspricht einer Autofahrt von über 1.500 Kilometern. Und das ist nur die Wand. Dazu kommt die Dämmung, die Fenster, die Bodenplatte. Bei einem typischen Neubau machen diese Materialien heute schon 30 bis 40 Prozent der gesamten Klimabelastung aus. Bei Sanierungen? Noch mehr. Denn du hast ein altes Haus. Die alten Wände haben schon ihre graue Energie abgezahlt. Wenn du sie abbrichst und durch neue ersetzt, verdoppelst du die Belastung. Du wirfst die Energie, die schon drin war, einfach weg.
Welche Baustoffe haben wirklich geringe graue Energie?
Nicht alle Materialien sind gleich. Einige sind fast klimaneutral. Andere sind wahre CO2-Bomben. Hier sind die Top-5, die du bei jeder Sanierung in Betracht ziehen solltest:
- Holz: Holz bindet CO2. Während es wächst, saugt es Kohlendioxid aus der Luft. Ein Kubikmeter Holz speichert rund 1.000 kg CO2. Wenn du es als Dämmung oder als tragende Wand verwendest, speicherst du das CO2 für Jahrzehnte. Holz braucht kaum Energie zum Verarbeiten. Kein Brennofen, kein Hochtemperaturprozess. Und wenn es aus der Region kommt - aus dem Sauerland, dem Schwarzwald, aus Niedersachsen - dann spart du noch mal 10 bis 20 Prozent an Transportemissionen. Heute sind schon fast 20 Prozent aller Neubauten in Deutschland Holzbauten. Warum? Weil es funktioniert. Und weil es klimafreundlich ist.
- Lehm: Lehm ist der älteste Baustoff der Menschheit. Er wird einfach aus dem Boden gegraben, mit Wasser gemischt und getrocknet. Kein Brennen, kein Transport über Hunderte von Kilometern. Lehmputz reguliert die Luftfeuchtigkeit von alleine. Er sorgt für ein angenehmes Raumklima, ohne Klimaanlage. Und er lässt sich einfach recyceln. Wenn du mal umgestalten willst - einfach abkratzen, wieder anrühren, neu auftragen. Kein Abfall. Keine Mülldeponie.
- Naturstein: Wenn du ihn lokal verwendest - aus dem Sauerland, dem Harz, dem Rheinland - dann ist er ein Gewinn. Stein braucht zwar Energie zum Abbau, aber keine Verarbeitung. Kein Brennen. Kein Transport. Ein Stein aus der Region hat oft eine niedrigere graue Energie als ein Ziegel aus dem Ausland. Und er hält Jahrhunderte. Alte Schieferhäuser im Siegerland oder im rheinischen Schiefergebirge sind das beste Beispiel. Sie stehen seit 150 Jahren. Sie brauchen kaum Sanierung. Sie haben fast keine graue Energie nachgeliefert.
- Hanf und Schilf: Diese Materialien wachsen schnell, brauchen keine Pestizide, und werden in Deutschland angebaut. Hanfdämmung hat eine graue Energie von nur 20 bis 30 kWh/m³ - ein Zehntel von Mineralwolle. Schilf ist genauso gut. Beide sind biologisch abbaubar, nicht giftig und haben eine hervorragende Dämmwirkung. Sie sind keine Nische mehr. In der Praxis werden sie immer häufiger in Sanierungen verwendet - besonders bei Altbauten, wo man die Wände nicht abreißen will.
- Recycelte Materialien: Alte Ziegel, alte Balken, alte Dachziegel - wenn du sie behältst, sparest du die gesamte graue Energie, die in ihnen steckt. Ein altes Holzbalken aus dem 19. Jahrhundert hat eine graue Energie von null - es ist schon bezahlt. Du musst es nur reinigen, trocknen und wieder einbauen. Das ist Urban Mining: Baustoffe aus alten Gebäuden zurückholen, wie man Öl aus alten Bohrlöchern holt. Das ist die Zukunft. Und es ist schon heute möglich.
Warum ist das bei Sanierungen so wichtig?
Bei Neubauten kannst du von Anfang an wählen. Bei Sanierungen hast du ein altes Gebäude. Und das ist dein größter Vorteil. Denn die graue Energie, die in den alten Wänden steckt, ist schon verbraucht. Du hast sie schon bezahlt. Wenn du sie jetzt abbrichst und durch neue ersetzt, zahlst du sie doppelt. Du verschwendest die Energie, die schon drin war. Und du erzeugst neuen Abfall. Jeder Kubikmeter altes Mauerwerk, das auf die Deponie kommt, ist ein Verlust. Denn das Mauerwerk hat schon seine CO2-Bilanz abgezahlt. Es ist ein gespeicherter Kohlenstoffspeicher. Du gibst ihn weg.
Architektin Dr. Susanne Kühr sagt es klar: "Die größte Einsparung an grauer Energie kommt nicht durch neue Materialien, sondern durch den Erhalt von alten." Wenn du nur 30 Prozent der alten Substanz behältst - die Wände, die Decken, die Balken - dann sparst du bis zu 90 Prozent der grauen Energie, die du sonst brauchen würdest. Du musst nicht alles neu machen. Du musst nur das ersetzen, was kaputt ist. Und das ist oft viel weniger, als du denkst.
Ein Beispiel aus Göttingen: Ein Haus aus den 1920er Jahren wurde saniert. Die Außenwände aus Klinker wurden nicht abgebrochen. Stattdessen wurde eine Innendämmung aus Hanffaser eingebracht. Die alten Fenster wurden mit modernen Isolierverglasungen ausgetauscht. Der Bodenbelag aus Holz wurde geschliffen und neu versiegelt. Die Heizung wurde durch eine Luft-Wasser-Wärmepumpe ersetzt. Resultat: 85 Prozent weniger Heizenergie. Und 70 Prozent weniger graue Energie als bei einem Neubau. Die alten Wände blieben. Sie haben die Energie gespeichert. Und sie haben die Struktur erhalten.
Was ist mit Kosten und Förderung?
Ja, nachhaltige Baustoffe kosten manchmal etwas mehr. Holzfaserdämmung ist teurer als Styropor. Lehmputz kostet mehr als Gipskarton. Aber der Unterschied liegt meist zwischen 5 und 15 Prozent. Und das ist kein Preis, das ist eine Investition. Denn die graue Energie ist nicht nur ein Umweltthema - sie ist ein wirtschaftlicher Faktor. Je höher die graue Energie, desto höher die künftigen Kosten. Und je mehr CO2 du verursachst, desto höher die möglichen Steuern, Abgaben, oder Restriktionen in Zukunft.
Und hier kommt die Förderung ins Spiel. Das BAFA-Programm "Energieeffizient Sanieren" zahlt bis zu 30 Prozent der Kosten für Maßnahmen, die den CO2-Ausstoß reduzieren - inklusive der Verwendung nachhaltiger Baustoffe. Das gilt für Holzfaserdämmung, Lehmputz, Hanfdämmung, recycelte Dachziegel - alles, was die graue Energie senkt. Du musst nicht mehr Geld ausgeben. Du musst nur klüger wählen.
Was kommt als Nächstes?
Die Politik ändert sich. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) betrachtet heute nur die Heizenergie. Aber das ändert sich. Ab 2024 wird die Bundesregierung verbindliche Grenzwerte für graue Emissionen bei öffentlichen Gebäuden einführen. Das ist der erste Schritt. Bald wird das auch für Privathäuser gelten. In fünf Jahren wirst du bei der Baugenehmigung nicht mehr nur die Heizwerte angeben müssen. Du wirst auch die CO2-Bilanz deiner Wände, deiner Dämmung, deiner Fenster nennen müssen. Du wirst eine Ökobilanz vorlegen müssen. Wie ein Lebenslauf für dein Haus.
Und die Technik entwickelt sich. Neue Dämmstoffe aus recyceltem Glas, aus Algen, aus Holzspänen - sie haben bis zu 80 Prozent weniger graue Energie als konventionelle Dämmung. Holz wird nicht mehr nur als Dämmung verwendet. Es wird als tragende Konstruktion genutzt. Und manche Gebäude speichern mehr CO2, als sie während ihrer Lebensdauer emittieren. Sie werden zu Kohlenstoffspeichern. Sie sind keine Gebäude mehr. Sie sind Klimaanlagen aus Holz.
Was kannst du jetzt tun?
Wenn du dein Haus sanierst, stell dir diese Fragen:
- Was kann ich behalten? Alte Wände? Alte Balken? Alte Dachziegel? Wenn du etwas behältst, sparst du Energie.
- Was muss ich ersetzen? Nur das, was kaputt ist. Nicht mehr. Nicht weniger.
- Welche Materialien haben die niedrigste graue Energie? Holz, Lehm, Hanf, recycelte Steine? Die sind nicht nur besser fürs Klima - sie sind auch besser für deine Gesundheit.
- Habe ich regionale Anbieter? Ein Lehmputz aus der Region hat eine bessere Bilanz als einer aus dem Ausland.
- Wie kann ich die Förderung nutzen? BAFA zahlt für nachhaltige Materialien. Frag deinen Handwerker danach.
Sanieren ist nicht nur, etwas zu ersetzen. Sanieren ist, etwas zu bewahren. Und dabei die Zukunft zu bauen. Dein Haus ist nicht nur ein Ort zum Wohnen. Es ist ein Teil des Klimas. Und du kannst es so gestalten, dass es hilft - statt schadet.
Was ist der Unterschied zwischen grauer und brauner Energie?
Graue Energie ist die Energie, die für die Herstellung, den Transport und die Entsorgung von Baustoffen benötigt wird - also alles, was vor dem Bau passiert. Braune Energie ist die, die du im Alltag verbrauchst - zum Heizen, Kochen, Licht machen. Bei Sanierungen ist die graue Energie oft wichtiger, weil sie schon verbraucht ist und nicht mehr verändert werden kann - es sei denn, du ersetzt die Materialien.
Kann ich alte Ziegelsteine wiederverwenden?
Ja, und das ist eine der besten Möglichkeiten, graue Energie zu sparen. Alte Ziegelsteine haben bereits ihre Energiebilanz abgezahlt. Wenn du sie reinigst, sortierst und wieder einbaust, sparst du bis zu 90 Prozent der Energie, die du für neue Steine brauchen würdest. Viele Handwerker in Deutschland spezialisieren sich auf das Rückgewinnen von Altbau-Materialien - besonders in Regionen mit vielen historischen Gebäuden.
Ist Holz wirklich nachhaltiger als Stein?
Ja, wenn es aus der Region kommt. Holz bindet CO2 während des Wachstums und braucht kaum Energie zur Verarbeitung. Gebrannte Ziegelsteine hingegen werden bei über 1.000 Grad gebrannt - das verbraucht viel Gas und setzt CO2 frei. Ein Holzwandelement hat oft nur ein Drittel der grauen Energie eines Ziegelwandaufbaus. Außerdem reguliert Holz die Luftfeuchtigkeit und verbessert das Raumklima.
Welche Förderung gibt es für nachhaltige Sanierungen?
Das BAFA-Programm "Energieeffizient Sanieren" fördert Maßnahmen, die den CO2-Ausstoß reduzieren - inklusive der Verwendung von Baustoffen mit geringer grauer Energie wie Holzfaserdämmung, Lehmputz oder Hanfdämmung. Du kannst bis zu 30 Prozent der Kosten erstattet bekommen. Wichtig: Du musst einen Energieberater einschalten und die Maßnahmen vorab beantragen.
Wird die graue Energie bald gesetzlich geregelt?
Ja. Ab 2024 werden für öffentliche Gebäude verbindliche Grenzwerte für graue Emissionen eingeführt. Das ist der erste Schritt. Bis 2030 wird erwartet, dass auch private Sanierungen eine CO2-Bilanz vorweisen müssen. Die EU und die Bundesregierung arbeiten an einem "Green Deal für Gebäude", der die graue Energie genauso streng regelt wie die Heizenergie. Wer jetzt umdenkt, ist im Vorteil.