Wenn Sie Ihr Haus sanieren, denken Sie wahrscheinlich zuerst an neue Fenster, eine bessere Dämmung oder eine moderne Heizung. Doch was viele nicht wissen: Der größte Klima-Fußabdruck Ihres Sanierungsprojekts entsteht bevor der erste Stein verlegt wird. Es sind die graue Emissionen - die Treibhausgase, die bei der Herstellung, dem Transport und der Verarbeitung der Baustoffe freigesetzt werden. Und diese Emissionen sind heute wichtiger denn je.
Warum graue Emissionen plötzlich zählen
In Deutschland verursachen Bauen und Wohnen rund 40 Prozent aller CO2-Emissionen. Bislang lag der Fokus vor allem auf den Betriebskosten: Wie viel Heizenergie verbraucht das Haus? Doch das ändert sich. Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) aus dem Jahr 2020 zeigte: Bereits 2014 waren 40 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen auf Bau, Nutzung und Rückbau von Gebäuden zurückzuführen. Heute, im Jahr 2026, ist klar: Die Emissionen aus der Herstellung der Materialien, also die grauen Emissionen, machen einen immer größeren Teil aus.Bei Neubauten liegt ihr Anteil bei 25 bis 40 Prozent der gesamten Lebenszyklus-Emissionen. Bei Sanierungen ist es sogar noch entscheidender: Hier fallen die Betriebsenergie-Emissionen oft geringer aus, weil das Gebäude schon relativ gut gedämmt ist. Das macht die grauen Emissionen umso sichtbarer. Laut der DGNB-Studie von 2021 machen die Materialien und Konstruktion eines Gebäudes durchschnittlich 35 Prozent der gesamten Emissionen aus - das ist fast ein Drittel. Und das ist nur der Anfang.
Was genau zählt - und was nicht
Nicht jeder Baustoff ist gleich. Zement, Stahl und Kunststoffe sind die großen Klimasünder. Der Zementsektor allein verursacht 2 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen - das ist mehr als der gesamte Flugverkehr. Und trotzdem wird er in fast jedem Sanierungsprojekt verwendet, weil er billig und leicht verfügbar ist.Doch es gibt Alternativen, die deutlich besser abschneiden:
- Holz: Ein Kubikmeter Holz speichert etwa eine Tonne CO2. Bei der Herstellung emittiert es nur ein Zehntel der Emissionen von Beton oder Stahl.
- Recycelter Beton: Wenn altes Betonmaterial aus Abrissprojekten wiederverwendet wird, sinken die Emissionen um bis zu 60 Prozent.
- Natürliche Dämmstoffe: Holzfaser, Schafwolle, Hanf oder Kork emittieren zwischen 70 und 90 Prozent weniger CO2 als Mineralwolle oder Polystyrol.
- Lehm und Kalk: Diese traditionellen Materialien haben fast keine grauen Emissionen - und sorgen für ein gesundes Raumklima.
Ein Beispiel aus Freiburg: Das Projekt „Haus der Zukunft“ hat 2022 gezeigt, dass eine Sanierung mit diesen Materialien die grauen Emissionen um bis zu 40 Prozent senken kann - im Vergleich zu einer konventionellen Sanierung. Und das, ohne die Qualität oder die Dämmwerte zu opfern.
Die drei wichtigsten Baustoffe, die Sie prüfen müssen
Nicht alle Materialien tragen gleich stark zu den Emissionen bei. Laut dem GebäudeForum machen drei Komponenten bis zu 70 Prozent der grauen Emissionen in Sanierungsprojekten aus:- Dämmstoffe: Hier liegt der größte Hebel. Eine Mineralwollplatte emittiert 15-20 kg CO2e/m². Eine Holzfaserdämmung hingegen nur 2-4 kg CO2e/m². Das ist ein Unterschied von über 80 Prozent.
- Fenster: Holz-Alu-Fenster haben deutlich niedrigere Emissionen als reine Kunststofffenster. Besonders kritisch: die Verglasung. Doppel- und Dreifachverglasung mit Low-E-Beschichtung und Edelgasfüllung sind zwar energieeffizient, aber ihre Herstellung ist klimaintensiv. Der Trick: Nutzen Sie bestehende Fenster, wenn sie noch tauglich sind. Oft reicht eine Nachrüstung mit neuen Dichtungen und einer Isolierverglasung.
- Tragende Konstruktion: Wenn Sie Wände verstärken oder eine neue Decke einbauen, wählen Sie Holz statt Stahl. Ein Holzrahmenbau emittiert 3-5 kg CO2e/m², ein Stahlrahmenbau bis zu 25 kg CO2e/m². Das ist fast ein Fünffaches.
Die gute Nachricht: Diese drei Bauteile lassen sich in jeder Sanierung gezielt optimieren - ohne dass Sie das gesamte Haus umbauen müssen.
Wie Sie die richtigen Materialien finden
Die Herausforderung? Die Daten sind nicht immer leicht zugänglich. Viele Hersteller geben keine klaren Angaben zu den Emissionen ihrer Produkte. Doch das ändert sich.Seit 2022 gibt es in Deutschland die KfW-Förderung „Energieeffizient Sanieren - Zuschuss“ (Programm 430). Wer Fördergelder beantragen will, muss seitdem eine Nachhaltigkeits-Klasse nachweisen. Das bedeutet: Sie brauchen einen Lebenszyklus-Nachweis - also eine Rechnung, wie viel CO2 ein Material über seine gesamte Lebensdauer ausstößt. Dieser Nachweis basiert auf sogenannten Produktpass-Daten, die inzwischen von vielen Herstellern bereitgestellt werden.
Praktischer Tipp: Nutzen Sie die Umweltproduktdeklaration (EPD). Das ist ein standardisierter, unabhängiger Nachweis, den Sie bei jedem Baustoff anfordern können. Einige große Hersteller, wie Knauf, Holzbau Hesse oder Hanfwerk, haben ihre EPDs online veröffentlicht. Suchen Sie einfach nach „EPD [Produktname]“. Wenn Sie keinen finden, fragen Sie den Händler direkt - und wenn er nicht antwortet, suchen Sie ein anderes Produkt.
Die Kosten - Mythos und Wirklichkeit
„Nachhaltige Baustoffe sind teuer“ - das ist das größte Vorurteil. Und es ist falsch.Ja, Holzfaserdämmung kostet etwas mehr als Mineralwolle. Ein Holzrahmenbau ist teurer als ein Stahlgerüst. Aber: Diese Mehrkosten liegen im Durchschnitt bei nur 15 bis 20 Prozent. Und das ist nur die Anfangsinvestition.
Was viele vergessen: Mit nachhaltigen Materialien sparen Sie später bei den Energiekosten. Und Sie profitieren von den neuen Förderregeln. Seit 2023 gibt es jährlich 13 Milliarden Euro für Sanierungen - nur 1 Milliarde für Neubauten. Wer nachhaltig baut, bekommt mehr Zuschuss. Und ab 2025 wird es gesetzliche Obergrenzen für die grauen Emissionen pro Quadratmeter geben. Wer heute nicht umdenkt, wird morgen nicht mehr sanieren dürfen.
Ein Beispiel aus Bayern: Die ift Rosenheim hat 15 Sanierungsprojekte analysiert. Die mit nachwachsenden Rohstoffen verbrauchten durchschnittlich 28 Prozent weniger Emissionen - und die Gesamtkosten lagen nur 5 Prozent über den konventionellen Lösungen. Das ist kein Luxus, das ist eine Investition.
Was Sie jetzt tun können
Sie planen eine Sanierung? Dann beginnen Sie hier:- Prüfen Sie die Dämmung: Tauschen Sie Mineralwolle gegen Holzfaser, Hanf oder Schafwolle aus. Das ist der größte Hebel.
- Verwenden Sie Holz: Bei Wandverstärkungen, Decken und Treppen. Holz speichert CO2 - und ist leicht zu verarbeiten.
- Recyceln Sie, wo es geht: Alten Beton wiederverwenden? Ja. Alte Ziegel? Auch ja. Viel mehr Material lässt sich wiederverwenden, als man denkt.
- Fordern Sie EPDs an: Kein Produkt ohne Lebenszyklus-Nachweis. Wenn der Händler keine hat, wählen Sie etwas anderes.
- Planen Sie früh: Studien zeigen: Wer Nachhaltigkeit erst nach Baubeginn einplant, spart nur 6 Prozent Emissionen. Wer sie von Anfang an mitdenkt, spart 18 Prozent.
Und vergessen Sie nicht: Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, besser zu werden. Jeder Quadratmeter, den Sie mit klimafreundlichem Material sanieren, reduziert die Last für die Zukunft.
Was kommt als Nächstes
Ab 2024 müssen alle Sanierungsprojekte mit Förderung über 500.000 Euro die grauen Emissionen digital nachweisen. Ab 2027 soll das für alle geförderten Projekte Pflicht sein. Und ab 2025 wird es eine gesetzliche Obergrenze für die Emissionen pro Quadratmeter geben. Das ist kein Trend. Das ist die neue Regel.Die Bundesregierung will bis 2030 jährlich 12-15 Millionen Tonnen CO2 durch nachhaltige Sanierungen einsparen. Das ist mehr als die gesamten Emissionen von Leipzig, Chemnitz und Zwickau zusammen. Wenn Sie jetzt umdenken, sind Sie nicht nur ein sanierender Hausbesitzer. Sie sind Teil der Lösung.
Was sind graue Emissionen bei Baustoffen?
Graue Emissionen sind die Treibhausgase, die während der Herstellung, des Transports, der Verarbeitung und der Entsorgung von Baustoffen entstehen. Sie haben nichts mit dem späteren Energieverbrauch des Gebäudes zu tun - sondern mit dem, was vorher passiert ist. Zum Beispiel: Die Produktion von Zement, das Heizen von Stahl, der Transport von Dämmplatten aus dem Ausland.
Warum sind graue Emissionen bei Sanierungen wichtiger als bei Neubauten?
Bei Neubauten entstehen viele Emissionen durch den gesamten Neubau - Grundstück, Fundament, Tragwerk, Dämmung. Bei Sanierungen wird oft nur ein Teil des Gebäudes verändert. Wenn das Haus schon gut gedämmt ist, sinken die Betriebsenergie-Emissionen. Dann bleibt der Anteil der Emissionen aus den neuen Materialien relativ groß - und wird zum Hauptproblem. Deshalb ist die Materialwahl bei Sanierungen entscheidend.
Welche Baustoffe haben die niedrigsten Emissionen?
Die besten Materialien sind Holz, Lehm, Kalk, Hanf, Schafwolle und recycelter Beton. Holz speichert CO2 und hat sehr niedrige Herstellungsemissionen. Recycelter Beton nutzt alte Ressourcen und vermeidet neue Zementproduktion. Natürliche Dämmstoffe wie Hanf oder Kork emittieren bis zu 90 Prozent weniger als Polystyrol oder Mineralwolle.
Muss ich mehr bezahlen, wenn ich nachhaltig sanieren will?
Nein, nicht unbedingt. Die Mehrkosten liegen durchschnittlich bei 15-20 Prozent. Aber: Sie bekommen mehr Fördergelder, sparen später bei den Energiekosten und profitieren von der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Sanierungen. In einigen Fällen, etwa bei der Wiederverwendung von alten Ziegeln oder Holzbalken, sinken sogar die Kosten.
Was ist eine EPD und wo finde ich sie?
Eine EPD (Umweltproduktdeklaration) ist ein standardisierter Nachweis, der die Treibhausgasemissionen eines Baustoffs über seinen gesamten Lebenszyklus berechnet. Sie finden sie auf den Websites der Hersteller - oft unter „Nachhaltigkeit“ oder „Produktdaten“. Suchen Sie nach „EPD [Produktname]“. Wenn der Hersteller keine hat, fragen Sie direkt nach - oder wählen Sie ein anderes Produkt.